Reiche Multis, arme Bürger

Philipp Löpfe, Werner Vontobel: „Die unsoziale Kehrseite der masslosen Unternehmensgewinne“ (Untertitel), 207 Seiten, 2012, Orell Füssli Verlag, CHF 26.90 (in Deutschland EUR 19.95).

„Die Unternehmen schreiben immer höhere Gewinne und verteilen ihre Beute immer einseitiger. Der Mittelstand verarmt. Grund dafür ist die Globalisierung. Aus national verankerten mittelständischen Unternehmen sind globale Multis geworden. Diese spielen die nationalen Regierungen und Arbeitnehmervertreter brutal gegeneinander aus.“ Mit Beispielen zeigen die Autoren, wie es zur heutigen Situation gekommen ist. Und sie meinen: Lokale Bedürfnisse sollten lokal befriedigt werden. Doch an welchen Schrauben ist zu drehen? Das Buch gibt konkrete Hinweise.

20 Jahre Friedensbrugg

Herausgeber dieser Schrift zum 20-jährigen Bestehen des Vereins „Friedensbrugg“ sind Marc Joset, Louis Kuhn, Agathe Schuler und Monika Wiedemann. „Sich einmischen – Friedensprojekte im ehemaligen Jugoslawien“ (so der vollständige Titel) berichtet über jahrelanges Engagement vieler Personen, die Aufbauhilfe geleistet haben an verschiedenen Orten auf dem Balkan. 35 Männer und Frauen haben dafür Beiträge geliefert. Das Buch umfasst 132 Seiten und ist reich illustriert, mit einem Vorwort von Ueli Mäder. www.friedensbrugg.ch

Auslöser für die Gründung des Vereins 1992 und die Aktivitäten seiner Mitglieder waren die kriegerischen Ereignisse auf dem Balkan ab 1991, mit all den Schrecken für die dortige Bevölkerung. Die Initianten um Louis Kuhn wollten nicht untätig sein: „Aussenpolitik nicht nur als eine Sache der offiziellen Instanzen hinnehmen und die Verantwortung zum Handeln auf die Hilfswerke abschieben. Selber tätig werden. Die Menschen hier zur Mitarbeit motivieren.“

Seit 20 Jahren lanciert die „Friedensbrugg“ Projekte im ehemaligen Jugoslawien, zum Beispiel in Schulen, im Bereich des biologischen Landbaus, in Gewaltfreier Kommunikation. Es wird versucht, zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zu vermitteln, Spannungen abzubauen oder Gewaltausbrüche zu verhindern. Keine leichte Aufgabe für die Friedensaktivisten. Die Arbeiten dauern an.

Von ihrem Engagement in den vergangenen zwei Jahrzehnten berichten Beteiligte, „von schmerzlichen und freudvollen Erlebnissen, den guten und bitteren Erfahrungen“. Es ist ein Rückblick und eine Bilanz. Aber nicht nur, denn die Beiträge von Ueli Mäder „Konflikte verbinden“, Verena Jegher-Bucher „Gewaltfreie Kommunikation“, Louis Kuhn „… not war“, Jürg Meyer „Friedensbrücken auch bei uns“ dürfen immer wieder gelesen werden.

09.12.2012 / Eckhard Rothe

Schöner leben, mehr haben

Thomas Buomberger, Peter Pfrunder (Hrsg.), Limmat Verlag, Zürich 2012, 54 Franken (www.limmatverlag.ch). Die 50er-Jahre in der Schweiz im Geiste des Konsums, 155 Seiten, Text auf blauem Papier, 114 Seiten Bilder auf weissem Papier, unprätentiös im Format A4 und darin kompakt und präzis die Schweiz, in der die Nachkriegsgeneration aufgewachsen ist.

Die zehn Autorinnen und Autoren lassen die 50er-Jahre vom Kriegsende 1945 bis zur Expo 1964 dauern, eine Dehnung, die plausibel erscheint. Während dieser 19 Jahre, die ganz unter dem Verdikt des Kalten Krieges stehen, ringen in der Schweiz zwei Kräfte miteinander, die fast paradox umgekehrt auf die beiden Weltmächte bezogen erscheinen. Auf der einen Seite findet sich ein autoritärer Konservatismus mit fast sowjetisch anmutendem Staatsverständnis, auf der anderen Seite lockt der «American Way of Life», das Versprechen eines Konsumschlaraffenlandes mit Auto (Thomas Buomberger), Kühlschrank und anderen Haushaltswundern (Beatrice Schumacher), Unterhaltung zwischen Boulevard und Hörspiel (Edzard Schade und Adrian Scherrer) und dazu Schlager, Jazz und Halbstarke (Samuel Mumenthaler).

Ein in kleinbürgerlicher Enge gefangenes «Schlaraffia » (Georg Kohler) ist es, und erst die 68er werden es in den Hedonismus der kleinbürgerlichen Selbstverwirklichung überführen – oder zu überführen versuchen (Peter Pfrunder). An Georg Kohlers Einführung anknüpfend finden sich im Buch drei weitere nicht primär auf den Konsum bezogene Beiträge. Sie handeln von «dezentem Sexappeal» und «eklatanter Diskriminierung» (Elisabeth Joris), vom Sturmgewehr 57 als Fundament der Armee (Benedikt Loderer) und von der italienischen Einwanderung als «durchleuchteter unsichtbarer Arbeitskraft» (Gianni D’Amato). Roger Monnerat

Im Krebsgang voran

Umberto Eco: „Heisse Kriege und medialer Populismus“ (Untertitel), 319 Seiten, 2006/2011, dtv, CHF 19.90 (in Deutschland EUR 12.90).

Alles schon mal dagewesen? Man könnte es meinen. Umberto Eco schildert einleitend unter „Fortschritte des Krebses“, wie wir uns rückwärts bewegend weiterentwickeln (können). Das muss kein Gegensatz sein. Denn alles Leben, so wird gesagt, verdankt seine Entstehung und weitere Entwicklung einer Art Spannung, einem inneren Widerspruch. Und nichts wird besser, nur anders …

„Wenn jemand für eine politische Entscheidung kämpft (und in diesem Fall auch für eine staatsbürgerliche und moralische), unbeschadet des Rechts und der Pflicht zur Bereitschaft, sich eines Tages anders zu besinnen, dann muss er, solange er kämpft, überzeugt sein, dass er im Recht ist, und den Fehler derer, die sich anders entscheiden, energisch anprangern. Ich kann mir keinen Wahlkampf vorstellen, der unter dem Slogan liefe: ‚Ihr habt recht, aber stimmt für den, der unrecht hat.‘ Und in Wahlkämpfen muss die Kritik des Gegners streng und erbarmungslos sein, um wenigstens die Unentschiedenen zu überzeugen.“

Umberto Eco analysiert das beginnende neue Jahrtausend anhand von Zeitungsartikeln und anderen Beiträgen aus den Jahren 2000 bis 2005. Er schreibt über Krieg und Frieden, Heilige Kriege, Kreuzzüge und Rassismus. Die Zeiten sind finster. Eco plädiert für vernünftige Einsichten wie Lösungen. Am Schluss des Buches hält er träumend inne, denkt zurück und hofft (wie wir), mit heiler Haut davonzukommen.

Grenzen des Kapitalismus

Denknetz-Jahrbuch 2011: Gesellschaftliche Produktivität jenseits der Warenform, etwa 200 Seiten, 2011, Zürich (Edition 8), CHF 25.00.

Das neue Denknetz-Jahrbuch trägt den Titel „Gesellschaftliche Produktivität jenseits der Warenform“. Es leuchtet jene gesellschaftlichen Bereiche aus, in denen die kapitalistischen Prinzipien der Konkurrenz und des Eigentums kontraproduktiv sind, und das nicht nur in sozialer und ökologischer, sondern gerade auch in ökonomischer Hinsicht. Dies gilt generell für viele wissenschaftliche Prozesse und insbesondere für die Entwicklung und Produktion digitaler Güter und Leistungen. Doch nicht nur hier stösst die kapitalistische Rationalität der Warenform ganz offensichtlich an ihre Grenzen. Der Band enthält Beiträge von: Vania Alleva, Bettina Dyttrich, Ueli Mäder, Mascha Madörin, Vasco Pedrina, Beat Ringger, Holger Schatz, Cédric Wermuth und vielen anderen. (pd)

aus VPOD-Magazin, November 2011